Hierarchie

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Hierarchie [hirarˈçiː] (Substantiv, feminin [die]) bedeutet a) [pyramidenförmige] Rangfolge, Rangordnung und b) Gesamtheit der in einer Rangfolge Stehenden [1].

"Hierarchie ist eine stufenmäßig auf Überordnung und Unterordnung beruhende Ordnung, die auf Herrschaft und Unterwerfung aufbaut. Die Elemente dieser Ordnung sind in vertikaler Reihung nach Bedeutung für die Entscheidungsmacht, Kompetenzen und Rang positioniert." [2] [Wikipedia]

Verschiedene Hierarchien

a.    Wissenshierarchie:

i.     Erfahrung (mehr Gewicht, bspw. der Stimme)

ii.     Dauer des Aktivismus’

iii.     Häufigkeit und Länge der Wortmeldungen

iv.     Zugriffe (Adminrechte in Chats, Passwörter, Beziehungen/Kontakte zu anderen Akteur*innen, etc.)

b.    Hierarchie durch Privilegien:

 i.     Herkunft (Sprache, kulturelle Werte)

ii.     Zeit (mehr Zeit, um aktiv zu sein; weitere Verpflichtungen im Leben)

iii.     Materiell (Kapital, bspw. dass Personen es sich leisten können, unbezahlte Arbeit zu machen)

iv.     Bildungsstand

c.    Hierarchie durch Alter (gibt einen Wendepunkt):

i.     Bis zu und ab einem gewissen Alter werden Menschen weniger ernst genommen (sowohl eher jung wie auch eher alt).

ii.     In einem gewissen Alter werden Menschen ernster genommen als andere (+/-20 bis +/-40 Jahre).

d.    Hierarchie durch Geschlecht

i.     Durch das Aufwachsen in einer patriarchalen Gesellschaft sind wir uns Machtverhältnisse bezüglich des Geschlechts gewohnt. Dies erschwert es uns, Hierarchien, welche aufgrund des Geschlechtes entstehen, zu benennen und abzubauen.

ii.     FINTA1 ziehen, was Macht/Hierarchie angeht, meist den Kürzeren.

iii.     Die Hierarchie durch Geschlecht äussert sich folgendermassen: längere Redezeit von cis Männern2, höhere Gewichtung der Aussagen in Diskussionen (geschieht unbewusst), mehr Selbstbewusstsein bei Beteiligung in Diskursen (durch Gewohnheit), zugeschriebene Kompetenz (nicht auf Erfahrung basierend), etc. Diese Aufzählung ist nicht abschliessend.

e.    Hierarchie durch Erwähnung der Überlegenheit:

Wird die eigene Überlegenheit ständig betont, kann das einschüchternd wirken und dazu führen, dass sich gewisse Menschen dadurch erst recht nicht kompetent genug fühlen. (Beispiel: «Wenn ihr Hilfe braucht, kommt zu mir, ich habe das schon unzählige Male gemacht», «Die letzten Bewilligungen habe immer ich eingeholt, ich kann das gut», etc. Werden andauernd solche Aussagen gemacht, betont die entsprechende Person ständig, dass sie in diesem Bereich mehr Fähigkeiten als ihr Gegenüber hat. Solche Aussagen sind nicht allgemein problematisch, aber sie sollten je nach Kontext gut reflektiert werden. Es ist wichtig, dass alle lernen und Erfahrungen sammeln dürfen.)

1 Frauen, inter Personen, nichtbinäre Personen, trans Personen, agender Personen

2 Männer, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde und die sich damit identifizieren.

Vor- und Nachteile durch Hierarchien

Vorteile durch Hierarchien:
  • Hierarchien können sehr effizient sein. Durch Hierarchien sind Aufgaben, Rollen und Verantwortungen oftmals klar aufgeteilt, was die Koordination erleichtert. (Gute Organisation erfordert allerdings keine Hierarchie!)
  • Oftmals definieren sich Personen, die durch die Hierarchien viel Verantwortung tragen, unter anderem durch ihr intensives Engagement. Somit ist dies eine «Bestätigung» und die entsprechenden Personen machen ihren Selbstwert daran fest.
  • Für Personen, die weniger Verantwortung tragen, kann es auch entlastend sein, zu wissen, dass ein Projekt nicht von ihnen abhängig ist.
  • Für andere Organisationen und Akteur*innen ist es z.T. von Vorteil, wenn sie direkte Ansprechpersonen haben, welche über ein gewisses Wissen und einen ganzheitlichen Überblick verfügen.
Nachteile durch Hierarchien:
  • Hierarchien schüchtern Menschen ein und hindern diese während eines grossen Zeitraums daran, sich aktiv in Projekten einzubringen und ihre Ideen zu teilen. Es erfordert viel Zeit und gute Beziehungen, um dies zu überwinden.
  • Ist durch Hierarchien viel Wissen auf wenige Personen konzentriert, lastet auf ihnen eine grosse Verantwortung und es fällt schwer, Pausen einzulegen. Fallen die entsprechenden Menschen einmal aus, kommt ein Projekt unter Umständen nur mühevoll oder gar nicht zustande, da Erfahrung fehlt.
  • Tragen nur wenige Personen ein Projekt beinahe allein, kann das anderen, die sich gerne mit weniger Ressourcen beteiligen würden, das Gefühl vermitteln, dass ihre Arbeit nicht wichtig sei und diese Menschen demotivieren, sich einzubringen.
  • Durch Hierarchien wird oftmals schon ein Grundwissen erwartet, da die Personen, die Projekte initiieren, sich nicht bewusst sind, wie viele Fähigkeiten sie sich mit ihrem Engagement bereits angeeignet haben.
  • Wissenshierarchien sind nicht innovativ. Wenn alles so gemacht wird, wie es schon immer gemacht wurde, entstehen keine neuen Ideen. Wenn unterschiedliche Menschen unterschiedliche Herangehensweisen haben, werden plötzlich bessere Wege gefunden.

Lösungsansätze

Problem Mögliche Lösung
Konzentration des Wissens auf ein Individuum Skill-Sharing1; Erfahrungen je nach Situation teilen, unerfahrenen Personen das Wissen nicht aufdrängen, sondern zulassen, dass Fehler lehrreich sind (Neue Herangehensweisen können innovativ sein, denn es gibt meist nicht nur einen richtigen Weg!)
Hierarchien sind einschüchternd (und halten im schlimmsten Fall Personen davon ab, beim KS aktiv zu werden) Überlegenheit nicht betonen; weniger eingebundene Menschen ermutigen, anspruchsvollere Aufgaben zu übernehmen (z.B. im Tandem) und nach ihren Bedürfnissen fragen; Rückmeldungen einholen (Wie wirkt diese Gruppe auch dich?)
Durch Hierarchien wird bereits ein Basiswissen erwartet Wissens-Ausgleich zu Beginn der Sitzungen (nach Relevanz priorisiert2)
Zugriffe sind hierarchisch verteilt (z.T. bei ehemals aktiven Personen) Zugriffe den Personen geben, die sie aktuell benötigen (→ Zugriffe können auch wieder abgegeben werden!); transparent machen, an wen sich die Leute dafür wenden müssen [Zugriffe: Adminrechte, Passwörter, Mailadressen etc.]
Unterschiedliche Gewichtung von Stimmen aufgrund der Dauer und Häufigkeit von Wortmeldungen Moderation muss Verantwortung übernehmen und dem aktiv entgegenwirken (bspw. Rederunden, in denen alle ihre Gedanken teilen; zurückhaltende Menschen ermuntern, sich zu beteiligen → Rahmenbedingungen schaffen, in denen alle sich trauen, sich zu melden)
Moderation an Treffen kann unter Umständen Machtverhältnisse massiv verstärken Moderationsrolle auf verschiedene Personen verteilen (nicht innerhalb einer Sitzung, sondern über mehrere Treffen verteilt); bei der Aufteilung der ToDos die Kompetenzen der Teilnehmenden nicht falsch einschätzen (unterschätzen); Moderation kann weniger erfahrene Menschen dazu ermutigen, neue Aufgaben zu übernehmen, ohne Druck aufzubauen (Unterstützung bereitstellen/anbieten)
In Stresssituationen werden Hierarchien besonders verstärkt Präventiv bereits Hierarchien abbauen; solche Situationen sind jedoch nicht vermeidbar → anschliessende Reflexion ist essenziell
Effizienzmaximierung schadet einer ausgeglichenen Machtverteilung Erfahrene Personen nehmen sich Zeit, um neuere Menschen in ihren Aufgaben zu unterstützen (z.B. mit Erklärungen), auch wenn es zu diesem Zeitpunkt nicht der schnellste Weg ist (längerfristig trägt dies zur Effizienz bei)

1 Vermittlung von Kenntnissen

2 Ein vollständiger Wissensausgleich kann nicht im Rahmen einer Sitzung stattfinden. Der Fokus muss auf Wissen, welches für das entsprechende Treffen relevant ist, gelegt werden.

Allgemein ist es essenziell, Hierarchien zu benennen!

…und zwar immer und immer wieder. Hierarchien können nicht von heute auf morgen beseitigt werden. Wir brauchen Geduld und Verständnis, aber genauso brauchen wir den Willen, an uns zu arbeiten, Dynamiken zu benennen, Kritik entgegenzunehmen und umzusetzen, zu lernen und unser Bewusstsein zu schärfen.

Bei Fragen oder Anregungen: (Meret, sie/ihr) @meretli auf Telegram