Konsensprinzip

Aus Klimastreik Schweiz
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Das Konsensprinzip beschreibt eine Form der Entscheidungsfindung innerhalb einer Gruppe. Zentral dafür ist, dass alle Mitglieder der Gruppe ihre Bedürfnisse und Standpunkte klar zum Ausdruck bringen, Gemeinsamkeiten erkennen und Lösungen für alle Bereiche erarbeiten, in denen Meinungsverschiedenheiten bestehen. So werden alle Meinungen der Gruppe integriert und Minderheiten nicht einfach ignoriert.

Im Gegensatz dazu steht das Mehrheitsprinzip, bei dem eine Gruppe versucht, sich mit ihrer Argumentation durchzusetzen und damit mindestens die Hälfte der Gruppe zu überzeugen. Demgegenüber muss im Konsensprinzip die gesamte Gruppe alle verschiedenen Vorschläge wahrnehmen und eine sachliche Diskussion über Vor- und Nachteile der einzelnen Vorschläge führen. So kann die Gruppe schlussendlich einen Vorschlag erarbeiten, welche alle Meinungen integriert. Dabei kann es vorkommen, dass einzelne Individuen diesen Vorschlag nicht als die beste aller Lösungen erachten, aber (unter Berücksichtigung des Prozesses) zur Einsicht gelangt, dass dies der bestmögliche Vorschlag ist und sich deshalb nicht aktiv gegen diesen Vorschlag stellt. Ein Konsens wird dann erreicht, wenn keine schwerwiegende Einwände gegen den Vorschlag vorliegen. Jedes Gruppenmitglied entscheidet selber, wann ein schwerwiegender Einwand vorliegt. Grundsätzlich ist ein Einwand dann schwerwiegend, wenn ein Gruppenmitglied denkt, dass durch das Annehmen des Lösungsvorschlages das Gruppenziel oder das übergeordnete Ziel gefährdet ist, respektive ganz wesentliche Chancen zur Zielerreichung nicht genützt werden.

Das gemeinsame Ziel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um in einer konsensorientierten Gruppe erfolgreich zusammen zu arbeiten, ist es sehr wichtig, ein klares Ziel der Gruppe zu definieren. Erst dann kann sich jedes Gruppenmitglied sicher sein, dass alle in die selbe Richtung steuern und es kann ein Vertrauen innerhalb der Gruppe entstehen. An der Formulierung des gemeinsamen Zieles wird so lange geschliffen, bis es im Konsens angenommen wird. Wenn sich Anforderungen, Umfeld oder Bedürfnisse der Gruppe ändern, kann jederzeit ein neues gemeinsames Ziel formuliert werden. In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, dass die Gruppe eine bestimmte Zeitperiode bestimmt, nach der das gemeinsame Ziel evaluiert und überarbeitet wird.

In Diskussionen und während Entscheidungsprozessen wird in Bezug auf das gemeinsame Ziel argumentiert. Dies gibt der Gruppe eine klare Richtung und hilft, effizient Entscheidungen zu treffen.

Das übergeordnete Ziel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das übergeordnete Ziel beschreibt die Ziele der inneren Kreise. Im Kontext der Klimastreikbewegung werden diese vor allem durch die nationalen Forderung verkörpert. Die Ziele der Regionalgruppen und deren Arbeitsgruppen dürfen sich nicht über diese hinwegsetzten.

Schwerwiegender Einwand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit einem schwerwiegenden Einwand, wird die Konsensfindung verhindert. Ein schwerwiegender Einwand bedeutet, dass durch das Annehmen eines Vorschlags das gemeinsame Gruppenziel oder das übergeordnete Ziel gefährdet wird, respektive ganz wesentliche Chancen zur Zielerreichung nicht genutzt werden. Jedes Gruppenmitglied entscheidet selbst, wann ein schwerwiegender Einwand vorliegt. Wenn ein Konsens mit einem schwerwiegenden Einwand verhindert wird, muss dieser im Bezug auf das gemeinsame Ziel begründet werden. Wenn vor der Konsensrunde, richtig diskutiert und alle angehört wurden, ist ein schwerwiegender Einwand eher eine Seltenheit. Dieser wird meistens schon während der Diskussions-/Meinungsrunde klar und der Vorschlag wird so angepasst, dass keine schwerwiegenden Einwände mehr im Raum sind.

Es besteht auch immer die Möglichkeit einen schwerwiegenden Einwand an einem aktuellen Zustand zu äussern und somit seine Zustimmung zurückzuziehen. Daraufhin wird sich die Gruppe damit auseinandersetzen und neue Wege finden, welche alle mitgehen können.


Ablauf der Konsensfindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Konsensfindung in einer Gruppe kann ein sehr langwieriger und energieraubender Prozess sein. Um Zeit und Energie aller Beteiligten zu sparen, hilft es, jeden Konsens nach einem klaren Ablauf zu finden. So werden die Beteiligten und die Moderation routiniert und können den Prozess mehr und mehr optimieren. Es ist ebenfalls hilfreich (wenn möglich) die Gruppe, welche einen Konsens zu finden versucht, so klein wie möglich zu halten (optimal weniger als zehn Personen).

  • Ein gut vorbereiteter Vorschlag wird von einer Einzelperson oder einer AG der Gruppe vorgestellt. Dabei wird auch bereits der vorgeschlagene Konsens dazu formuliert.
  • Wenn die Gruppe klein genug ist, eine Meinungsrunde durchführen, bei der alle der Reihe nach ihre Meinung zum Vorschlag äussern. Bei grösseren Gruppen scheint es sinnvoll, direkt in eine offene Diskussionsrunde (nach den Diskussionsrichtlinien der Gruppe) zu starten.
  • Nach anhören aller Meinungen, formuliert die Moderation einen angepassten Konsensvorschlag (Herrscht Konsens darüber, dass ... ). Wenn Konsens über den Vorschlag herrscht, wird ein Zeitpunkt bestimmt, an dem der Beschluss evaluiert wird.
  • Falls der Konsens durch einen schwerwiegenden Einwand verhindert wurde, wird dieser in Betracht des gemeinsamen Zieles begründet.
  • Die Moderation entscheidet nun, ob weitere Meinungs- und Diskussionsrunden zielführend sind oder gibt den Vorschlag in eine AG, welche diesen aufgrund der Argumente neu ausarbeitet.

Relevanz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Art und Weise, wie wir zu Entscheidungen gelangen, ist massgeblich entscheidend dafür, wie Entscheidungen ausfallen. Die Menschheit hat sich in eine Klimakrise manövriert, die den Fortbestand allen Lebens auf dem Planeten Erde gefährdet. Trotzdem scheint sie unfähig zu sein, Entscheidungen zu treffen, die diese Krise abwenden könnten. Ziele wie im Übereinkommen von Paris werden zwar formuliert und unterzeichnet. Die Zielsetzung von einer Erderwärmung, die unter 1.5° bleibt, war schon zum Zeitpunkt der Verhandlungen je nach wissenschaftlichem Szenario unerreichbar. Jegliche effektive klimaschützende Massnahmen von Seiten der Mitgliedstaaten haben bislang auf sich warten lassen.

Konsensprinzip in der Bewegung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Konsensprinzip ist ein wichtiger Grundwert der Bewegung und massgeblich für die Entscheidungsfindung. Bereits in den allerersten Treffen im Dezember wurden Entscheide im Grundsatz per Konsens gefunden, was viel mit dem Hintergrund der damals engagierten Personen zu tun hatte. Seither wird er aktiv diskutiert und in Frage gestellt. Beim zweiten nationalen Treffen wurde im Plenum ein Antrag gestellt, den Konsens durch eine 90%-Mehrheit zu ersetzen, dieser Vorschlag erhielt aber keinen Konsens.

Die Zustimmung zum Konsens wird jeweils durch Wedeln mit den Händen kundgetan. Bis es zum Konsens kommt, durchgehen die Personen einen Prozess der Entscheidungsfindung, der sich in Kernpunkten markant von der alltäglichen Diksussionskultur und auch dem demokratischen Politsystem in der Schweiz unterscheidet.

Zur Konsensfindung in Plenen gehört entsprechend viel Vorarbeit, die ziemlich komplex und in ihrer Gesamtheit sehr schwer zu fassen ist. Unerlässlich scheinen folgende Punkte:

  • Es braucht eine Festlegung auf ein gemeinsames Ziel, eine gemeinsame Vision. Erst dann kann der Konsensprozess funktionieren, weil er auf gegenseitigem Vertrauen und Zutrauen basiert.
  • Es braucht viel Vorwissen über die Funktionsweise des Konsensprinzip, insbesondere von der Plenarmoderation.
  • Im grossen Plenum angebrachte Vorschläge müssen bereits ausgiebig bearbeitet worden sein: Sie müssen das Ergebnis einer kleineren Gruppe darstellen, welche bereits möglichst viele verschiedene Standpunkte integriert und in die Pro- und Kontraargumentation hat einfliessen lassen. Nur so kann das grosse Plenum das Vertrauen fassen, dass es sich hier um den bestmöglichen Vorschlag handelt.
  • Es braucht Zeit, Feedback und Meldungen auch im grossen Plenum anzuhören, so dass Leute den Prozess nicht blockieren müssen, sondern wissen, dass ihre Bedenken gehört wurden.
  • Beschlüsse, welche im Konsens getroffen wurden, werden zu einem späteren, klar definierten Zeitpunkt, evaluiert. Dies gibt den Menschen, welche gewisse Bedenken gegenüber dem Vorschlag hegen, einen grösseren Akzeptanzspielraum. Sie können darauf vertrauen, dass, falls sich ihre Bedenken bewahrheiten, wieder die Möglichkeit bestehen wird, den Beschluss erneut zu überarbeiten.

Mehrheitsprinzip[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In unserer Gesellschaft ist es gebräuchlich Entscheidungen nach einem Mehrheitsprinzip zu fällen. Das bedeutet, dass, je nach Vorgehensweise, die absolute oder relative Mehrheit der Beteiligten in einer Abstimmung ausschlaggebend ist. Bei einem solche System werden Minderheiten weniger oder gar nicht berücksichtigt. Auch kann es vorkommen, dass legitime Gegenstimmen nicht angehört werden und so Entscheidungen manchmal nicht der besten Lösung entsprechen. Das Konsensprinzip probiert gegen diese Probleme vorzugehen. Dabei ist es das Ziel, allen Beteiligten zuzuhören und daraufhin einen Vorschlag auszuarbeiten, der eine 100% Zustimmung ermöglicht.

Konsens ist vergleichbar mit der Idee vom idealen Diskurs nach Habermas. Es soll in einer Diskussion nicht darum gehen die Anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen, sondern zusammen in einem hierarchiefreien Gespräch die bestmögliche Lösung zu finden. Alle Stimmen sollen angehört und gleich gewertet werden. Dies erfordert ein geduldiges Zuhören und die Fähigkeit sich unvoreingenommen den anderen Personen und Meinungen zu widmen. Schlussendlich soll der Zwang des besseren Argument geltend sein.

Konsens bedeutet nicht, dass alle Menschen ideologisch und grundsätzlich dem Vorschlag zustimmen müssen, sondern dass die beste Lösung für die Bewegung als ganzes gefunden wird und niemand das Bedürfnis hat, den gefundenen Vorschlag aktiv zu verhindern.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Prozess zum Konsens kann lange, umständlich und anstrengend sein. Häufig kommt es vor, dass Vorschläge erneut verfeinert und überarbeitet werden müssen. Entscheidungen werden lange heraus gezögert und können so nur schwer in kurzer Zeit gefunden werden. Doch genau dies ermöglicht erst eine nachhaltige Lösung. Alle legitimen Argumente, die gegen einen Vorschlag sprechen werden in Betracht gezogen und im Verfeinerungsprozess eingebunden, alle Minderheiten beachtet. So gibt es am Schluss vielleicht weniger Entscheidungen, dafür aber nur solche die von allen getragen werden und meistens praktisch besser umsetzbar sind. Trotzdem ist es verständlich, dass eine Druckbewegung wie wir, die die Dringlichkeit des jetzigen Handels erkannt hat, nicht immer bereit ist, sich auf monatelange Prozesse zur Entscheidungsfindung einzulassen. Häufig wird diesem Umstand Rechnung getragen, in dem sich Plenen über viele Stunden ziehen und meist ohne festes Ende sind, oder in dem fast täglich Plenen zu dringenden Themen veranstaltet werden. Damit ist der langwierige Konsensprozess mitverantwortlich für den aktuellen Burn-Out-Aktivismus.

Verwässerte Hierarchien:[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wir werden von Geburt an von der Welt geformt. Im Sandkasten, in der Schule, auf dem Pausenhof, am Familientisch, in der Bar oder im Sportverein. Unsere Gesellschaft ist geprägt von sozialen Hierarchien und so sind es auch wir. Wir haben gewisse Verhaltensmuster verinnerlicht und halten so unbewusst mit unserem Handeln verschiedene zwischenmenschlichen Machtsysteme aufrecht. Diese Beziehungen beeinflussen Diskussionen und somit Entscheidungen. Dominant sozialisierte Menschen nehmen mehr Platz ein, Andere halten sich zurück und äussern ihre Meinung nicht oder nur selten. Laute Personen werden ernster genommen, leise Menschen gehen manchmal unter. Im idealen Diskurs und der Konsensfindung wird ein hierarchiefreies Gespräch vorausgesetzt. Nur so ist es möglich, dass alle Menschen ihre Bedenken äussern können und tatsächliche Lösungen gefunden werden, die vollständige Zustimmung erreichen. Eine hierarchiefreie Beziehung ist real momentan nicht möglich. Im Konsensprinzip wird dies jedoch suggeriert. So können Hierarchien verwässert werden.

Dies ist kein Grund, das Konsensprinzip nicht mehr als legitime Entscheidungsform anzusehen. Das Problem liegt tiefer in der Gesellschaft und nicht im System des Konsens. Wir müssen uns jedoch dem Umstand bewusst sein und aktiv probieren dagegen vorzugehen.

Prozessbeschrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aktuell erarbeiten verschiedene Gruppen im Klimastreik verschiedene Konzepte. Ein spannender Einblick bietet die Seite Consensus von Seeds for Change, respektive als kurzes oder ausführliches PDF.